Was hat nicht bewältigte Kriegsvergangenheit heute mit mir zu tun?

Wir alle kennen das: Vater oder Opa war im Krieg. In Deutschland bei den Nazis. In anderen Ländern auf deren Seite. Jeder kämpfte für die Ideologie, die damals für Recht empfunden wurde. Nach dem Ende des Krieges wollte es in Deutschland keiner gewesen sein. Was geschehen war wurde verleugnet, weg geschwiegen und die sogenannte "Entnazifizierung" vollzog sich nach 1945 in Windeseile. Auch viele meiner Generation wollten von dieser Zeit nichts wissen. Stattdessen verurteilten viele das Tun unserer Väter und wollten selbst „besser“ sein.

Ich selbst verweigerte den Wehrdienst und wollte Sozialarbeit leisten. Als Ersatz- oder Zivildienstleistende erbrachten wir Sühne für die Handlungen unserer Vorfahren - so dachten wir.  Noch heute gibt es die sogenannte "Aktion Sühnezeichen". Junge deutsche Sozialdienstleistende erbringen in Israel Dienstleistung als Wiedergutmachung. Wie wir aus der systemischen Arbeit heute wissen, ist anderen zu dienen grundsätzlich eine gute Sache. Doch dienen um zu sühnen ist anmaßend, verachtet die Vorfahren und ist der Beginn einer möglichen Burn-out-Dynamik. Man bürdet sich fremde Last auf.

 

Doch welche Möglichkeit gibt es dann, mit Kriegsschuld umzugehen?

Ich glaube, Schuld gehört im Leben und zum Erwachsenwerden dazu. Unschuldig wollen nur "Nicht-Erwachsene" sein, nur Kinder sind unschuldig. Wahr ist: unseren Fortschritt, unsere Demokratie sowie die Einheit in Europa konnten sich nur Aufgrund der Katastrophe des letzten Weltkrieges gründen. Auch behaupte ich:  Die Gründung des Staates Israel verdanken die Juden dem Holocaust. Das mag grotesk und bitter sein. Doch es scheint eine Wahrheit zu sein. Mein Vater kam 1947 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück, Gott sei Dank. Wäre er dort gestorben, gäbe es mich nicht. Ihm verdanke ich mein Leben. Hier beginnt gleichermaßen das Dilemma der Nachkriegsgenerationen.

Unser Leben und unseren Fortschritt verdanken wir den schlimmen Erfahrungen der Kriegsvergangenheit. Wir erbauten unseren Wohlstand auf den Trümmern der Vergangenheit. Es ist schlecht möglich, dies auf Dauer zu verleugnen.

 

Systemische Arbeit lädt ein, hinzuschauen.

Die Teilnehmer, die in ihren Familien Kriegsschicksale haben, seien es Opfer, Täter oder beides, lade ich ein, nicht mehr wegzuschauen sondern hinzuschauen und den Tätern die Schuld sowie den Opfern ihr Schicksal zu lassen und dieses zu achten.

Mischen wir uns ein, übernehmen Nachfahren die Schuld der Vorfahren - Schuldbewusstsein ist die Folge. Eine unheilvolle Dynamik eines Opfer-Täter- Retter-Dramas kommt in Gang - ein Teufelskreis entsteht.

Mein Vater hatte über diese Zeit kein Wort gesprochen, so wie viele. Er sprach nur einmal darüber: am Geburtstag meiner großen Schwester. Er beschrieb, wie es dazu kam, dass alle Hitler folgten. Wie Hitler Hoffnung versprach, Arbeit gab und Essen. Er warb um Verständnis, dass er und viele diesem Despoten folgten, bis ins Verderben. Dann bat er uns um Vergebung. Zwei Tage später starb er an Herzversagen - eben noch kerngesund und plötzlich tot. Es war sein Schicksal. Ich war gerade 16 Jahre alt.

Nun weiß ich, es wäre anmaßend von mir, ihm vergeben zu wollen. Ich würde mich zu groß machen - mich als Richter aufspielen und über meinen Vater urteilen. Eher ist es heilsam, nicht mehr zu urteilen über die Taten unserer Vorfahren. Denn, mit jedem Urteil schneiden wir uns ab von dem, wo wir herkommen, den eigenen Wurzeln. Verdrängen wir was war, hängt  Kriegsvergangenheit wie ein grauer Schatten über uns.

Erscheinungen wie rechtsradikale Bewegungen sind Folgen der Nichtbewältigung schlimmer Vergangenheit. Krieg ist etwas Schlimmes, keine Frage. Doch letztlich verdanken wir unseren Fortschritt, unsere Demokratie und unseren Frieden den vielen Toten der letzten Kriege auf allen Seiten. Aktuell drängen wieder Despoten an die Schalthebel der Macht. Despoten  werden von einer nichterwachsenen, "unschuldigen und kindlichen Gesellschaft" gewählt und damit ermöglicht. Menschen, die einen „Führer“ brauchen, wollen lieber Kinder, ja Opfer sein als Verantwortung zu übernehmen.

Impuls-Aufstellungen laden ein, hinzuschauen, anzuerkennen und zu integrieren. Lassen wir Schuld und Verantwortung da, wo sie hingehört: achten wir Täter und Opfer.  Zu sühnen und fremde Last zu tragen schwächt, Eigene "Schuld" gibt Kraft und  lässt Gutes gedeihen.

Verneigen wir uns vor denen, die vor uns waren, denn Sühne macht Achtung unmöglich - Achtung macht Sühne überflüssig! Dank zu sagen denen, die uns unser Leben schenkten.

Durch Aufstellungen gelingt es Frieden zu finden, für die Opfer, für die Täter und für uns Nachkommen. Lassen wir im Mutterboden der Vergangenheit unser Leben gedeihen damit die vielen Toten nicht umsonst waren.

 

 

Zielgruppe

Alle Menschen, die mit diesem Thema zu tun haben und für sich eine gute Lösung wollen.

 

Methoden

Kurzreferate durch den Aufstellungsleiter, Impuls-Aufstellungen in der Gruppe mit Stellvertretern, Übungen zur Verankerung, Ordnungsbilder, etc. ...

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